Einen interessanten Artikel veröffentlichte vor kurzem die A.
Klahrgesellschaft: Der Historiker Hans Hautmann schreibt zur Geschichte,
Theorie und Praxis des Streiks. Übersichtlich erläutert er verschiedene
Streiktheorien von Marx ,über den Anarchosyndikalismus bis zur
Massenstreikdebatte und beschreibt Streikarten und –formen. Im letzten
Abschnitt wird klargestellt, warum gestreikt wird bzw. werden sollte um
weshalb das Kampfmittel Streik gerade in heutigen Zeiten immer notwendiger
wird.
Praktisch für jene, die sich näher mit dem Thema beschäftigen wollen, sind
auch auf die Buchhinweise am Ende des Artikels!
Hier der Link zum Text:
http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilungen/Hautmann_2_09.pdf
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»Sprache von Lindsey«
Die erfolgreichen Streiks in der britischen Bauindustrie könnten zum Fanal für die gesamte Gewerkschaftsbewegung auf der Insel werden
(von Christian Bunke/Junge Welt)
In der britischen Bauindustrie gab es in den vergangenen Wochen erneut heftige Auseinandersetzungen um den sogenannten NAECI-Vertrag, der landesweit Löhne und Arbeitsbedingungen in der Branche regelt. Dieser Vertrag wurde 1972 durch einem langen Streik erkämpft. Seitdem ist er den Bauunternehmern ein Dorn im Auge. In jüngster Zeit wurde immer versucht, den Vertrag mit Hilfe von EU-Richtlinien zu untergraben. Dies führte im Februar zu »wilden« Streiks in ganz Großbritannien. Auslöser war damals der Versuch des Bauunternehmens IREM, auf der Baustelle der Ölraffinerie in Lindsey ausländische Arbeitskräfte zu Dumpinglöhnen arbeiten zu lassen, während britischen Arbeitern gekündigt wurde. Ergebnis des Streiks war damals ein Sieg für die Gewerkschaften. So wurde die Respektierung des NAECI für alle Arbeiter, egal welcher Nationalität, durchgesetzt. Gewerkschaftliche Vertrauensleute bekamen ferner das Recht zugesprochen, die Umsetzung dieses Abkommens zu überprüfen. Alle entlassenen Arbeiter wurden wieder eingestellt.
Illegale schwarze Liste
Dieser Erfolg machte Mut. Vertrauensleute verschiedener Baufirmen begannen, sich zu vernetzen. So wurden ohne jede Hilfe durch den Gewerkschaftsapparat Demonstrationen vor Großbaustellen organisiert, auf denen die Sportstätten für die nächsten Olympischen Spiele entstehen sollen. Denn auch dort wurde versucht, die vertraglich geschützten Arbeitsbedingungen systematisch zu verschlechtern.
Die Gewerkschaften finden in der britischen Bauindustrie schwierige Bedingungen vor. Die Unternehmer führen eine schwarze Liste mit über 3000 Namen von Gewerkschaftern, denen de facto Berufsverbot erteilt worden ist. Diese Liste ist illegal, der britische Staat ist bis heute jedoch nicht dagegen vorgegangen. Sie wird von einem Privatdetektiv geführt, der früher für den britischen Inlandsgeheimdienst gearbeitet hat. Nicht nur die schwarze Liste erschwert den Kampf, sondern auch die offene Kollaboration von Teilen des Gewerkschaftsapparates mit den Unternehmern. Immer wieder werden Fälle bekannt, wo Unternehmer die gewerkschaftlichen Mitgliedsbeiträge für ihre Belegschaft zahlen, um dann ihnen genehme Personen als Vertrauensleute einzusetzen.
Doch angespornt durch den erfolgreichen Kampf in Lindsey, ist es Aktivisten gelungen, zum ersten Mal seit 1972 eine Urabstimmung für einen landesweiten, alle Sparten der britischen Bauindustrie umfassenden Streik durchzuführen. Durch den Arbeitskampf soll eine Lohnerhöhung auf der Basis des NAECI-Vertrages erkämpft werden. Doch die Unternehmer halten dagegen. Anfang Juni eskalierte die Lage auf der Lindsey-Baustelle erneut. Die Firma Shaw entließ 51 Arbeiter und ersetzte sie durch neue Kräfte, die zu Dumpinglöhnen arbeiten sollten. Das war ein offener Verstoß gegen das erst im Februar geschlossene Abkommen mit den betrieblichen Vertrauensleuten. Ab dem 11. Juni traten alle Arbeiter in Lindsey in den »wilden« Streik, dem sich in den anschließenden Tagen Arbeiter auf über 30 Großbaustellen anschlossen.
Wieder wurde alles von unten und ohne die Hilfe der Gewerkschaftsapparates organisiert. Die Unternehmer reagierten mit Repression. Alle am Streik in Lindsey beteiligten 647 Arbeiter, wurden entlassen. Doch die erhoffte Einschüchterung trat nicht ein. Im Gegenteil: Auf Baustellen im ganzen Land wurde daraufhin nicht nur für höhere Löhne, sondern auch für die sofortige Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter gestreikt. Durch das Ausmaß der Kämpfe sah sich die Gewerkschaft GMB schließlich gezwungen, den Streik als einen offiziellen Arbeitskampf anzuerkennen. Die Gewerkschaftsführung versprach, den Streikenden die vollen finanziellen Ressourcen der Organisation zur Verfügung zu stellen. UNITE, die andere große Gewerkschaft in der Bauindustrie, war dazu allerdings nicht bereit.
Am 26. Juni kam schließlich die Kapitulation der Bauunternehmen. Alle entlassenen Arbeiter wurden wieder eingestellt und erhielten eine Arbeitsplatzgarantie bis zum Abschluß der Bauarbeiten. Auf der Konferenz des National Shop Stewards Networks am vergangenen Samstag in London nannte Keith Gibson, Mitglied des Streikkomitees bei Lindsey, dieses Ergebnis »einen phantastischen Sieg gegen Lohndumping und für Arbeiterrechte«. Dieser Erfolg sei »nicht nur für britische Arbeiter wichtig, sondern für Arbeiter aller Länder.»
Neues Selbstvertrauen
In der Tat ist die Signalwirkung der Streiks in der Bauindustrie gar nicht hoch genug einzuschätzen. Seit der Niederlage der Bergarbeiter im Jahr 1984 und der darauffolgenden Durchsetzung von Antigewerkschaftsgesetzen durch die Thatcher-Regierung hatte sich in den britischen Gewerkschaften weitgehend die Einschätzung durchgesetzt, daß erfolgreiche Kämpfe in großem Maßstab nicht mehr möglich seien Die jüngsten Streiks in der Bauindustrie, aber auch die Fabrikbesetzungen bei Ford Visteon, haben den Arbeitern aber neues Selbstvertrauen gegeben. Ein Gewerkschafter brachte es auf der Shop Stewards Konferenz am Wochenende auf den Punkt: „In den vergangenen Jahren haben wir immer gesagt, wir müßten endlich lernen, französisch zu sprechen. Nun können wir sagen, zukünftig werden wir mit den Unternehmern die Sprache von Lindsey sprechen.»
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