"Feind und Freund sind einig darüber, daß auf dem ganzen Festland Österreich, und in Österreich Wien, den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen und die österreichische, voran die Wiener Arbeiterschaft sich damit eine ganz andere Stellung in der Bewegung erobert hat."(1)
So beschrieb Friedrich Engels, Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus, den 1. Mai 1890 in Österreich, insbesondere in Wien.
Ein Jahr zuvor hatte die neugegründete "Zweite Internationale" am 20. Juli 1889 in Paris jenen historischen Antrag beschlossen, der die Durchführung einer großen internationalen Manifestation „gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten“ am 1. Mai 1890 vorsah, um der Forderung nach dem Acht-Stunden-Tag Nachdruck zu verleihen. Vier Jahre zuvor hatte bereits die amerikanische Arbeiterbewegung den "Moving Day", einen traditionellen Stichtag für Änderungen von Arbeitsverträgen und für Arbeitsplatzwechsel, benutzt, um für ihre Anliegen zu streiken.
Die Anfänge der Maibewegung waren von Unterdrückung und Gewalt seitens der staatlichen Behörden und der Unternehmerschaft geprägt. Auch am 1. Mai 1890 versuchten die Bürgerlichen, vor den Proletariermassen zu warnen und Panikstimmung zu erzeugen. So schrieb die in Wien herausgegebene "Neue Freie Presse" im Leitartikel am Tag der Maikundgebung: "Die Soldaten sind in Bereitschaft, die Tore der Häuser werden geschlossen, in den Wohnungen wird Proviant vorbereitet wie vor einer Belagerung, die Geschäfte sind verödet, Frauen und Kinder wagen sich nicht auf die Gasse."
Doch die ArbeiterInnen reagierten mit Ruhe und Disziplin. Überall in Wien und in den meisten Industriestädten Österreichs wurde die Streikparole befolgt. Vormittags gab es in Wien etwa sechzig Versammlungen, nachmittags zogen mehr als 100.000 ArbeiterInnen in den Prater. Es war
die größte Kundgebung, die Wien bis dahin erlebt hatte.
Nach dem überwältigenden Erfolg der internationalen Kundgebungen beschloss der Brüsseler Kongress der Zweiten Internationale, den 1. Mai jedes Jahr als Kampftag für die Forderungen der Arbeiterklasse zu nutzen. Neben dem Acht-Stunden-Tag waren dies in Österreich bis 1907 die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts und in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg der Kampf gegen Militarismus und Kriegshetze und für internationale Solidarität.
Doch die sozialdemokratische Burgfriedenspolitik brachte nicht nur den Ersten Weltkrieg mit sich, sondern auch ein vorläufiges Ende der Maikundgebungen. Erst die Februarrevolution in Russland 1917 und die von ihr ausgehende Hoffnung auf ein Ende des Krieges und die Schaffung des Sozialismus bestärkte die Arbeiterschaft auch in Österreich, den 1. Mai - vorerst auf eigene Faust - wieder für arbeitsfrei zu erklären. Allmählich gewann der ursprüngliche internationalistische Gedanke der Maikundgebungen wieder an Bedeutung, was insbesondere der revolutionären und kommunistischen Arbeiterbewegung zu verdanken ist.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Republik beschloss der Nationalrat 1919, den 1. Mai zum Staatsfeiertag in Österreich zu erklären. Zur Zeit des Austrofaschismus wurde jedoch diese Errungenschaft von der Dollfuß-Diktatur verboten beziehungsweise - ab 1934 - zum "Tag der Verfassung" umfunktioniert. Trotz Verbot ließen es sich die österreichischen ArbeiterInnen am 1. Mai 1933 jedoch nicht nehmen, durch "Spaziergänge" mit roten Taschentüchern, Blitzdemonstrationen und spontanes Aufziehen von roten Fahnen auf ihr Recht zu pochen. Im Nationalsozialismus von 1938 bis 1945 wurde der 1. Mai im Sinne der NS-Propaganda zum "Tag der deutschen Arbeit" erklärt. Noch vor offiziellem Kriegsende fanden in Wien am 1. Mai 1945 wieder Mai-Feiern statt. Seither sind die Maiaufmärsche der Arbeiterbewegung wieder etabliert. Während die Sozialdemokraten jedoch diesen Kampftag der Arbeiterklasse - mit ein paar Ausnahmen - immer mehr zum "Abfeiern" der eigenen Regierungspolitik nutzten, blieben linke und kommunistische Gruppen der internationalistischen und kämpferischen Ausrichtung des 1. Mai treu.
Fußnote:
(1) Friedrich Engels über die erste Maifeier in Österreich 1890, aus: „Der 4. Mai in London“, Marx/Engels-Werke, Bd. 22, S. 60; Arbeiter-Zeitung, 23.5.1890