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Leiharbeiter im Reaktor

Fukishima-Betreiber heuern »moderne Samurai« für den Einsatz gegen die atomare Katastrophe an. Lage außer Kontrolle. Weiter steigende Strahlenwerte
Von Josef Oberländer

Hunderte Anfragen besorgter Bewohner der Hauptstadtregion sind beim japanischen Wetterdienst eingegangen, nachdem im Großraum Tokio am Donnerstag gelber Regen fiel. Handelte es sich etwa um radioaktiven Fallout nach der Atomkatastrophe von Fukushima? Der Behörde zufolge waren es nur Pollen, die mit dem Regen niedergingen. Trotzdem wächst die Angst der Menschen, die offiziellen Verlautbarungen immer weniger Glauben schenken.

Seit zwei Wochen versucht die Betreibergesellschaft Tokyo Electric (Tepco), die Lage in ihrem von einem verheerenden Erbeben und der darauf folgenden Flutwelle beschädigten AKW Fukushima Dai-Ichi unter Kontrolle zu bekommen. Täglich werden neue Strahlungswerte und Temperaturangaben unter die Leute gebracht – mal höhere, mal niedrigere – um den Anschein zu erwecken, man habe die Situation im Griff. Nur langsam wird deutlich, daß das Katastrophenmanagement den zahllosen Experten vor Ort zusehends entgleitet. Es sei durchaus möglich, daß der Druckbehälter von Reaktor 3 ein Leck aufweise, aus dem radioaktives Material entweiche, räumte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA am Freitag ein.

Mehr als 700 Arbeiter versuchen derzeit verzweifelt, die Kühlsysteme der strahlenden Ruinen wieder anzufahren. Die unter dem Namen »Fukushima 50« bekannte Truppe, die in Gruppen zu je 50 ans Werk geht, wird in Japan hochgeschätzt. Daß es sich bei ihnen nicht nur um »moderne Samurai« handelt, sondern teilweise auch um ungelernte Leiharbeiter ohne jede Perspektive, am Arbeitsmarkt ein vergleichbares Einkommen zu erzielen, ist vielen ihrer Bewunderer nicht bekannt.

Die im Turbinenhaus des Meilers 3 verseuchten drei Arbeiter standen in 15 Zentimeter tiefem Wasser, das 10000fach überhöhte Strahlenwerte aufwies. Zwei von ihnen trugen offenbar ungeeignete Stiefel, in die das Wasser eindrang. Sie wurden mit Verdacht auf schwere Verbrennungen durch Beta-Strahlung ins Nationale Institut für Radiologie in Chiba eingeliefert.

Tepco wurde wiederholt Nachlässigkeit beim Schutz ihrer Mitarbeiter vorgeworfen. Der Versorger versuchte sich mit dem Hinweis zu entschuldigen, daß die drei die Werte ihrer Dosimeter ignoriert und trotz der hohen Strahlenbelastung weitergearbeitet hätten. Den Betreibern zufolge wurden im Wasser acht Isotope nachgewiesen, darunter Kobalt 60 und Molybdän 99. Ob das radioaktive Material aus dem Kern des Schrottreaktors stammt oder aus dem überhitzten Abklingbecken, in dem abgebrannte Kernbrennstäbe zwischengelagert werden, ist offenbar genauso unbekannt wie die Herkunft des Wassers.

Derweil konzentrieren sich die Arbeiten auf Reaktor 3. Schließlich träumt man in der Tepco-Firmenzentrale davon, die vier Schrottreaktoren von Fukushima Dai-Ichi eines Tages wieder anfahren zu können. Der in den Abklingbecken nahe an den Druckbehältern vor sich hinschwelende radioaktive Müll hat für das Unternehmen dagegen keinen unmittelbaren Wert, entsprechend wenig wird dort getan. Kommt es hier zu einer Explosion, droht eine Katastrophe wie im russischen Majak. Dort war 1957 ein Behälter mit flüssigem Atommüll explodiert. Anders als bei der Katastrophe von Tschernobyl wurde das dabei freigesetzte radioaktive Material vor allem lokal verteilt. Verläßliche Angaben zur Zahl der Opfer gibt es nicht.

Die japanische Regierung forderte inzwischen die Bewohner im Umkreis des AKW von 30 Kilometern auf, ihre Häuser zu räumen. Zur Begründung wurde die schwierige Versorgungslage angeführt, nachdem sich Lastwagenfahrer aus Angst vor nuklearer Verseuchung geweigert hatten, Orte in der verwüsteten Region mit dem Allernotwendigsten zu beliefern.

Auch in Tokio wachsen die Sorgen wegen steigender Strahlenwerte. Die Stadtverwaltung verteilte inzwischen Wasserflaschen an Familien mit Kleinstkindern. Im Trinkwasser war zuvor radioaktives Jod nachgewiesen worden. Auch in den benachbarten Verwaltungsbezirken Chiba, Ibaraki und Saitama wurde davor gewarnt, Babys Leitungswasser zu geben. Mineralwasser ist in den Supermärkten ausverkauft. Inzwischen wurde radioaktives Cäsium auf Blattgemüse aus dem Stadtgebiet Tokio nachgewiesen.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2011/03-26/033.php